Mache Vögel bleiben

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„Bleib hier“, sagt der Spatz, „Geh nicht fort.“
„Aber ich muss“, antwortet der Storch, „Ich muss nach Afrika.“
„Aber wieso“, fragt der Spatz. „Das ist so weit weg! Du kannst doch hierbleiben, hier bei mir.“
„Versteh doch, ich muss fort“, sagt der Storch erneut und blickt in Ferne.
Der Spatz zerrt an seinen Federn. „Aber hier ist doch unser zu Hause“, sagt er, „Unsere Heimat.“
„Es wird kalt im Winter“, erwidert der Storch,  „Ich muss nach Süden, das spüre ich.“ Er sieht traurig aus, aber auch entschlossen.
„Ich versteh dich nicht“, erwidert der Spatz, ärgerlich, verletzt und trotzig. „Wir können doch trotzdem bleiben, wir stellen die Federn auf und rücken zusammen.
Aber der Storch schüttelt den Kopf. „Ich kann nicht“, beharrt er, „Ich muss nach Afrika.“
„Also ist dir das alles nicht gut genug“, stellt der Spatz jetzt fest und wendet sich ab.
„Du verstehst nicht“, setzt der Storch an, aber es gibt keine Worte. Wie soll er es erklären? Er muss abheben, die Flügel ausbreiten und nach Süden ziehen. Er weiß es, er spürt es. Aber wie kann er es erklären? Wie soll er in Worte fassen, was so sehr an seinem Herzen zieht? Was ihn von einem Freund wegtreibt, der ihm so viel bedeutet… Wie kann man ein Gefühl erklären, dass der andere nie gespürt hat?
Sie schweigen beide. Es ist ein kalte Stille, eine laute Stille, die sich zwischen sie stellt.
„Ich dachte, wir wären Freunde“, sagt der Spatz irgendwann, und jetzt klingt er bitter, „Die allerbesten Freunde.“
„Das sind wir doch“, sagt der Storch, aber er spürt, es sind die falschen Worte, kaum dass er sie ausgesprochen hat. „Es hat nichts mit dir zu tun“, versucht er es weiter. Aber der Spatz unterbricht ihn. „Natürlich hat es mit mir zu tun“, sagt er leise, „Ich bin kein Grund zum Bleiben.“

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5 Gedanken zu “Mache Vögel bleiben

    • Lilian schreibt:

      Ich denke, Gefühle in Worte zu fassen ist immer schwierig. Es ist schon schwierig, Worte zu finden, die für einen selbst dieses Gefühl beschreiben, aber wie soll man sichergehen, dass diese Worte auch bei dem anderen so ankommen, wie sie gemeint sind? Vielleicht assoziieren wir mit den selben Worten ganz unterschiedliche Dinge…
      Außerdem kann man sich wohl nichts wahrhaftig vorstellen, was man nicht selbst kennt. Angenommen du könntest eine Farbe sehen, die ich nicht sehen kann, ganz gleich mit welchen Worte du sie beschreibst, ich könnte nur verstehen, was du empfindest, wenn du sie siehst, womit du sie vergleichst, vielleicht. Aber die Farbe selbst könnte ich mir nie vorstellen, ich würde sie nie vor meinem inneren Auge sehen, ganz gleich wie perfekt deine Beschreibung wäre.

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