Ich bin die, die niemand sieht von Julie Berry

(im Original: All the truth that‘s in me)

Der Roman erzählt Judiths Geschichte. Judith verschwand an demselben Tag, an dem ihre beste Freundin ermordet wurde. Nach zwei Jahren kehrt sie zurück. Sie hat mehr verloren hat als die Zunge, die ihr Entführer ihr aus dem Mund schnitt. Denn mit der Zunge hat sie auch ihre Sprache verloren. Und ihren Platz in der Gemeinde.
Sie hat ihre Kindheit verloren, in den Jahren, in denen sie gefangen gehalten wurde.
Sie hat ihre Freunde verloren, die erschrocken vor ihr zurückweichen.
Sie hat ihren Vater verloren, der in ihrer Abwesenheit starb und die Liebe ihrer Mutter, die sie nun schlägt, und ihr jeden Versuch zu sprechen verbietet.
Und sie hat ihre große Liebe verloren: Lucas, der mit einer anderen verlobt ist. Ihr Freund aus Kindertagen, den sie nur noch aus der Ferne beobachtet.

Zunächst ist sie schüchtern und ängstlich. Es gibt kaum direkte Rede, all ihre Gedanken bleiben unausgesprochen. Doch sie wandelt sich, und mit ihr die Sprache des Buches. Als sie mühsam lernt, Worte neu zu formen, nimmt der Anteil der direkten Rede zu. Als sie anfängt ihre beobachtende Haltung abzulegen und aktiver wird, überwiegt allmählich die Erzählung der Gegenwart.
Gegenwart und Vergangenheit, Erlebtes und Erinnertes werden verknüpft; meist in kurzen Szenen aneinandergereiht. So entsteht langsam ein Bild, wie ein Puzzle, bei dem an dieser und dann an jener Stelle ein paar Teile gelegt werden, bis sie alle am Ende ein Ganzes ergeben. Das macht es zu Beginn schwierig, den Rahmen der Geschichte zu erkenne. Beispielsweise wird nicht deutlich zu welcher Zeit oder in welchem Land die Geschichte angesiedelt ist. Religion und strenge, religiöse Moralvorstellungen spielen eine wichtige Rolle. Ein Pranger kommt vor, der an mittelalterliche Praktiken erinnert; allerdings auch ein durchaus umfangreich scheinendes Waffenarsenal, das eher auf das 19. oder 20. Jahrhundert schließen lässt. Aus dem Klappentext geht nicht einmal hervor, dass die Geschichte überhaupt in der Vergangenheit spielt. Zu Beginn mag das verwirrend wirken, aber andererseits treten so Judiths Geschichte, ihre Gefühle und ihre Gedankenwelt in den Vordergrund. Außerdem erhält der Roman etwas Geheimnisvolles, etwas Spannendes, da man nur nach und nach erfährt, wie alles zusammenhängt.
Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive erzählt, allerdings redet Judith über ganze Passagen hinweg Lucas direkt an. Sie erzählt ihm was er tut, und denkt, und sagt. Dies wirkt zunächst leicht irritierende, eröffnet aber auch neue Möglichkeiten, um die Beziehung der beiden der beiden zu charakterisieren.
Was den Titel angeht, so scheint der englische besser zu passen, All the truth that‘s in me, denn es geht um die Wahrheit, die nach und nach zum Vorschein kommt; die Judith erst für sich selbst erkennen muss.

Insgesamt eine leicht geheimnisvoll anmutende, bewegende Geschichte mit einem ganz besonderen Erzählstil.

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