Die hellen Tage

Rezension

Mit „Die hellen Tage“ hat die deutsch-ungarische Autorin Zsuzsa Bánk für ihren 2012 erschienenen Roman einen ebenso schönen wie treffenden Titel gefunden. Es geht um Freundschaft und Liebe, um Familie; um Geheimnisse, Enthüllungen, um enttäuschtes Vertrauen, Verrat und Schuld. Es geht um Heimat und die Frage, was und vor allem wo das eigentlich ist. Und um das Erwachsenwerden in diesem Durcheinander.

Die Ich-Erzählerin Seri berichtet von den hellen Tagen ihrer Kindheit, die sie gemeinsam mit ihren Freunden Aja und Karl in ihrem Heimatdorf Kirchblüt verbringt. Sie erzählt von Erinnerungen, von den hellen Tagen, die sich wie bunte Glasperlen aneinanderreihen. Doch auch die Leichtigkeit der Sommer kann nicht über die tiefen Furchen hinwegtäuschen, die sich durch die Leben der drei Familien ziehen: Seris Vater starb nicht lange nach ihrer Geburt, und Ajas Vater Zigi, der ungarische Zirkusartist, ist für die meiste Zeit des Jahres abwesend. Aja und ihre Mutter wohnen in einer winzigen Hütte am Stadtrand, in der es im Winter bitterkalt wird. Karls Eltern leben getrennt, beide sind außerstande das Verschwinden ihres jüngsten Sohnes zu überwinden, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto stieg und für immer verschwand. Und als wäre all das nicht bereits genug, gibt es in allen Familien Geheimnisse, die nur darauf warten ans Licht zu kriechen und ihr Unheil anzurichten. Es ist eine leise Traurigkeit, die das ganze Buch durchzieht. Tief berührend sind jedoch die vielen kleinen Gesten, mit denen die Charaktere einander zeigen, dass sie auch in dunklen Zeiten füreinander da sind.

Zusza Bánk portraitiert ihre Figuren mit deren Stärken und Schwächen ohne jedoch über sie zu urteilen.
Auch Szenerie und Atmosphäre werden eindrucksvoll beschrieben. Wunderbar anmutend ist dabei vor allem die Sprache. Kunstvoll verschlungene Sätze ziehen sich teilweise beinah über eine halbe Seite hin. Mit ihren Worten malt Zsuzsa Bánk ganze Bilder. Es ist als würde der Leser hinter Seri stehen und ihr über die Schulter zu blicken, genau wie sie sieht er den verwilderten Garten und die Johannisbeerbüsche um das kleine, windschiefe Haus, in dem Aja wohnt, genau wie sie riecht er den Duft Évis frisch gebackener Kuchen und spürt die Sommersonne auf der Haut. Es ist nicht schwer, sich in Seri hineinzuversetzen, obwohl sie im ersten Teil des Buches als Erzählerin sehr in den Hintergrund tritt. Später wird sie präsenter, als die drei Freunde das kleine Dorf in Süddeutschland hinter sich lassen, um nach Rom aufzubrechen und dort zu studieren. Zu einem Höhepunkt kommt es, als die unendlich vielen und doch so feinen Fäden des silbrig schimmernden Spinnennetzes, das sie drei Freunde verbindet, zu zerreissen drohen.

„Die hellen Tage“ ist ein wunderschöner Roman, zu empfehlen für alle, die sich in einer ruhigen und tiefgründigen Geschichte verlieren können.

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